Verbindungen und Verbundenheit
Es gibt diese einfachen Faltungen, die ich eher zu den Entdeckungen als zu den Erfindungen zähle - obwohl auch ich mich darum bemühe, bei einem Origamiobjekt den Autor oder die Autorin zu nennen, so weit sie mir bekannt sind.
Beeindruckt bin ich immer wieder darüber, wie in unterschiedlichen Epochen an unterschiedlichen Orten offensichtlich die gleiche Faltung entdeckt wurde. Der Faltbrief gehört für mich dazu. Bei uns fand er um die Jahre vor und nach 1800 Verwendung als Taufzettel. In Christian Buris Buch ‚Taufe und Taufzettel im Bernerland‘ finden sich neben Abbildungen auch etliche der damals üblichen Taufsprüche und Wünsche.
Das Museum Münsingen hat eine umfassende Sammlung dieser schönen Stücke. Gotte oder Götti kauften den Zettel mit floralen Mustern, Ornamenten, Vögeln und einem Taufspruch als Schwarzdruck, kolorierten ihn und konnten ihn gefaltet als Verpackung für ein Goldvreneli verwenden.
Ob es wohl Zufall ist, dass in der gleichen Zeitspanne eine identische Faltung als Schachtelverschluss für Zuckergemmen diente, die in der Göthe-Zeit ein kulinarisches Wahrzeichen von Weimar wurden? Oder waren in dieser Schachtel, die aus Göthes Besitz stammt und in einem der Häuser der Klassikstiftung Weimar ausgestellt ist, lediglich die Gemmen, die als Werkzeug für die Abdrücke in der Zuckermasse dienten?
Jedenfalls hatte der Koch René François le Goullon (1757–1839) das Rezept für die Süssigkeiten aus Italien, wo er drei Jahre verweilte. Das heisst, dass er irgendwie von Deutschland nach Italien und wieder zurück reiste. Hat er auch die Verpackung mitgebracht? Hat er in der Schweiz auf der Durchreise jemandem diese Faltung gezeigt? Oder war es umgekehrt?
Wir wissen es nicht. Mich begeistert, dass die Kombination aus diesen Bruchstücken an überlieferten Informationen - das Bild aus Weimar, meine Gedanken zur Umsetzung, die Geschichte unserer Taufzettel und meine eigenen Faltungen - mich auf eine Gedankenreise schicken, die eine Verbundenheit durch Kulturen und Generationen bewirkt.
Etwas weniger klar dokumentiert - weil aus viel früherer Zeit - ist die Abbildung der selben Faltung auf einem alten japanischen Holzschnitt. Diese Abbildung verleitet mich dazu zu denken, dass gewisse einfache Faltungen in der Konstellation von Papier und Mensch vorgegeben sind.
Wohl aus diesem Grund gibt es immer erstaunlich vielfältige Interpretationen dieser einfachen Faltung. Wer Lust darauf bekommen hat, versuche es selber - Anleitungen gibt es viele, z.B. hier